RB: Das Forum Neues Leben, das sich für bioethische Themen und den Schutz des Lebens engagiert, wurde 2004 von Erzbischof Alois Kothgasser als Reaktion auf die Einrichtung der Abtreibungs-Ambulanz an den Salzburger Landeskliniken gegründet. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Gründungsphase? Was waren die Anliegen?
Doris Witzmann: Erzbischof Kothgasser und der Katholischen Aktion war immer der positive Ansatz wichtig. Was braucht es, um die Entscheidung für das Kind zu erleichtern? Unsere Überlegung war: Nur dagegen zu sein, vor dem Krankenhaus mit schwarzen Luftballons zu demonstrieren und dann wieder nach Hause zu gehen – das allein kann nicht die Antwort sein. Es gilt, das Bewusstsein für das Leben zu fördern – vom Anfang bis zum natürlichen Ende.
RB: Was konnte seit damals für den Lebensschutz erreicht werden?
Witzmann: Die Öffentlichkeits- und Bewusstseinsbildung wurden gut auf den Weg gebracht, auch die Vernetzung in die Politik. Ein Ergebnis war zum Beispiel das Haus für Mutter und Kind (siehe auch Seite III), eine tolle Einrichtung mit großem Mehrwert, oder der Hilfsfonds für Eltern in Not.
RB: Warum ist die Vernetzung in die Politik so wichtig?
Witzmann: Weil wir als KA zwar Missstände aufzeigen und Appelle an die Politik richten können, aber keine Stimme bei den Gesetzesnovellen haben. So wie beim Haus für Mutter und Kind die Unterstützung der damaligen Landesrätin Doraja Eberle wichtig war, ist es etwa der Katholische Familienverband als Schiene ins Parlament.
Wichtig ist eine ergebnisoffene Beratung, in der wir sehr wohl Position beziehen, aber nichts vorschreiben und schon gar nicht verurteilen oder verdammen.
RB: Was lässt sich Ihrer Meinung nach gegen die extreme Polarisierung beim Thema Abtreibung ausrichten?
Witzmann: Es braucht keine Schuldzuweisungen, sondern die sachliche Ebene und die Orientierung an seriösen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wichtig ist eine ergebnisoffene Beratung, in der wir sehr wohl Position beziehen, aber nichts vorschreiben und schon gar nicht verurteilen oder verdammen. Es geht um einen respektvollen Umgang mit den Frauen, wie auch immer sie sich entscheiden. Und es geht darum, durch entsprechende Rahmenbedingungen alles zu ermöglichen, um die Entscheidung für das Kind zu erleichtern, sie überhaupt möglich zu machen.
RB: Mit „ergebnisoffener“ Beratung sind im Hinblick auf die christliche Wertetradition nicht alle glücklich ...
Witzmann: Wir versuchen mit unendlicher Geduld immer wieder klarzumachen: Es geht dabei nicht um einen Freibrief für Abtreibungen, sondern darum, Entscheidungen der Frauen zu akzeptieren.
RB: Was motiviert Sie eigentlich persönlich, sich so stark zu engagieren?
Witzmann: Ich kann Frauen eine Stimme geben, die selbst nicht die Kraft und die Chance haben – wie so viele Frauen, die zur „aktion leben“ kommen. Der Lebensschutz ist ein wichtiges, ureigenstes Thema unseres Glaubens und das muss es auch in unserer Kirche und Diözese sein.
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