RB: Sie stehen für einen friedliebenden und Brücken bauenden Islam. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von islamistisch motivierten Attentaten hören?
Ismail Ozan: Dass der Islam sagt: Man darf einen unschuldigen Menschen – egal welcher Religion – nicht töten. Unsere Heilige Schrift, der Koran ist hier sehr deutlich. In Sure 5, Kapitel 32 heißt es: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet hat, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer einen Menschen am Leben erhält, so ist es, als ob er die ganze Menschheit am Leben erhält.“
RB: Wie kann es dann passieren, dass islamistische Terroristen die Religion als Rechtfertigung für ihre Gewalttaten missbrauchen?
Ozan: Ich kann Ihnen nicht sagen, was sich der Täter von Villach dabei gedacht hat. Aber egal, worauf sich solche Extremisten berufen, es hat mit dem Islam nichts zu tun und wird durch diesen nicht legitimiert. Wir wissen nur eines: dass solche Menschen fast zu hundert Prozent über die Sozialen Medien radikalisiert werden. Wir kontrollieren in Salzburg auch regelmäßig unsere Moscheen, wo großteils in deutscher Sprache gepredigt wird. Aber es sind nicht unsere Prediger, die Imame, die dazu beitragen, dass sich jemand radikalisiert. Da bin ich persönlich im ständigen Austausch mit den Sicherheitsbehörden und es gibt keinerlei Beschwerden.
Egal, worauf sich die Täter berufen, es hat mit dem Islam nichts zu tun und wird durch diesen nicht legitimiert.
RB: Die Radikalisierung passiert also von Ihrer Warte aus vor allem im Verborgenen über das Internet?
Ozan: Ja, das haben wir im Nachhinein auch beim Anschlag auf das israelische Konsulat in München im September durch einen jungen Salzburger herausgefunden. Er war sehr unauffällig, auch für seine Umgebung und Familie, und war nirgends festes Mitglied in einer Moscheegemeinde. Zum Freitagsgebet ist er jedesmal woanders hingegangen, also nicht ständig in die gleiche Moschee. Auf solche Menschen Einfluss zu nehmen, ist für uns kaum möglich.
RB: Wie sehr ärgert es Sie, dass mit jedem vergleichbaren Anschlag der „Generalverdacht“ gegenüber Muslimen wächst?
Ozan: Da haben Sie meine Gedanken gelesen. Als Islamische Religionsgemeinde in Salzburg versuchen wir Brücken zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen Community zu bauen. Wir sind gegen jede Form der Radikalisierung und dann kommt so jemand und macht alles kaputt – auch unsere jahrelange Arbeit. Das macht mich sehr traurig.
RB: Eine Kritik lautet oft, dass die Brückenbauer unter den Muslimen in der Öffentlichkeit zu „leise“ sind. Welche Botschaft ist Ihnen wichtig?
Ozan: Das Wort Islam hat mehrere Bedeutungen, aber eine davon ist klipp und klar „Frieden“. Islam bedeutet Frieden. Die Botschaft an unsere Community ist: Lebt in Frieden, achtet eure Nachbarn und tragt dazu bei, dass in ganz Österreich Frieden herrscht. 99,9 Prozent der Muslime leben friedlich in Österreich. Was die Extremisten anbelangt, müssen Politik, Gesellschaft und wir als Religionsgemeinschaften alle gemeinsam gegensteuern.
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