RB: Welchen ökologischen Auftrag sehen Sie für die Kirche?
Markus Vogt: Wir müssen – wie es der Philosoph Peter Sloterdijk formuliert – den „Zukunftsatheismus“ überwinden. Wir glauben nicht, was wir wissen. Über den Klimawandel wissen wir seit 40 Jahren Bescheid und trotzdem geschieht zu wenig. Religion hat den Handlungsauftrag, das Wissen zu bündeln und mit Taten zu verbinden, also so mit der Schöpfung umzugehen, dass sie auch für künftige Generationen erhalten bleibt.
RB: Was sind diesbezüglich Schwachstellen der christlichen Tradition?
Vogt: Das Christentum ist eine kulturgeschichtlich prägende Wurzel der ökologischen Krise und seit der Interpretation von Genesis 1,28 als Herrschaftsauftrag („Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch“) mit dem Vorwurf der Naturvergessenheit auf der Anklagebank. Aber die Bibel verknüpft Genesis 1,28 mit Genesis 2,15 („Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte“), also mit einem Verantwortungsauftrag. Mit Herrschen ist gemeint: Der Mensch als Ebenbild Gottes soll Verantwortung für die Schöpfung übernehmen.
RB: Und was sind die Potenziale?
Vogt: Wir sind Teil des Problems, deshalb müssen Religionen mit ihren zentralen Kompetenzen auch Teil der Lösung sein. Drei Beispiele: Theologie steht wie Ökologie für langfristiges Denken – die langfristige Perspektive für die Bewertung des Lebens. Ein zweites gewichtiges Potenzial ist das globale Denken – Religionsgemeinschaften als globale Solidaritätsgemeinschaften. Und schließlich die emotionale Motivation. Indem uns Religionen emotional berühren, können sie uns zum Umdenken bewegen. Geschätzte 80 Prozent der Menschen weltweit sind in ihrem Sozialverhalten durch die Religionen mitgeprägt.
Die ökologische Krise ist eine Schicksalsfrage unserer Epoche, an der sich neu bewähren muss, ob der christliche Glaube etwas zu sagen hat für die Welt von heute. Die Schöpfungstheologie bezieht sich in dieser Bewährungsprobe auf die reale Wirklickeit, in der wir leben. Gott spricht zu uns durch die ökologische Krise. Wenn wir in Sachen Nachhaltigkeit weiterkommen wollen, müssen die Religionen mitwirken. Oder es wird misslingen.
Vor ,Laudato si‘ kam in offiziellen Dokumenten des Vatikan das Wort Klimawandel kein einziges Mal vor.
RB: Sie bezeichnen dazu die päpstliche Enzyklika „Laudato si“ als revolutionären Text. Warum?
Vogt: Vor dieser Enzyklika kam in offiziellen Dokumenten des Vatikan das Wort Klimawandel kein einziges Mal vor. Die katholische Kirche war kein ökologischer Vorreiter, sondern Nachzügler. Sie hat aber durch „Laudato si“ gewaltig aufgeholt. Das Schreiben betont die Dringlichkeit und die Überlebensfrage. Es ist durch die Verbindung von Menschenschutz und Umweltschutz ökosozial. Es hat einen befreiungstheologischen Ansatz: das in früheren Enzykliken nie erwähnte Thema Macht kommt insgesamt 69-mal vor. „Laudato si“ spricht jeden Einzelnen an – wie man seinen Lebensstil ändern kann. Und es ist ein hoffnungsvoller Text: Die Enzyklika benennt die Klimakrise, aber die Stimmung ist nicht Angst, sondern Freude an der Schöpfung und dem Lob Gottes – eine Sinnperspektive, die zum Handeln ermutigt.
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