Sonja Gabriel ist Hochschulprofessorin für Mediendidaktik und Medienpädagogik an der Katholischen Pädagogischen Hochschule Wien. Sie ist Vortragende bei der Tagung „KI und unser Familienleben – vernetzt und verbunden“ des Katholischen Familienverbands.
RB: Inwieweit greift der Gebrauch neuer Medien, vor allem Smartphones, in menschliche Beziehungen ein?
Sonja Gabriel: Smartphones verändern unsere Beziehungen allein deshalb, weil sie ständig verfügbar sind. Wir sind digital verbunden, kommunizieren so viel wie noch nie, das wirkliche Wahrnehmen des anderen in der Präsenz hat sich sehr stark verändert. Trotzdem ist nicht alles schlecht, neue Technologien ermöglichen auch leichter in Kontakt zu bleiben. Zum Beispiel Familienmitglieder, die räumlich voneinander getrennt leben, können einander nicht nur hören, sondern auch sehen. So kann Nähe geschaffen werden.
Das Smartphone soll nicht zum Stressfaktor werden. Es braucht Resilienz und das Wissen, wo man beschränkende Einstellungen am Smartphone findet. Das Gegenüber muss akzeptieren, dass man nicht immer gleich antwortet. An dieser Erwartungshaltung müssen wir arbeiten.
RB: Sind SmartToys (digitales Spielzeug) im Kinderzimmer kritisch zu sehen?
Sonja Gabriel: Das sehe ich tatsächlich kritisch. Einerseits ist es für Kinder spannend, wenn Spielzeug interagiert. Aber es geht Fantasie verloren, wenn man sich Rollenspiel nicht selber überlegen muss. Interaktive Spielzeuge sind wie digitale Sprachassistenten – Alexa oder Siri – ans Internet angekoppelt, sie sind ständig auf Empfang und Abhörmodus. Die Daten werden an Firmen dahinter übermittelt, die oft nicht aus der EU kommen und nicht der Datenschutz-Grundverordnung unterliegen.
Alles was mit Medien zu tun hat und bei unter Zehnjährigen unbegleitet verfügbar ist, ist für mich kritisch. Kinder bekommen Zugang zu nicht altersadäquaten Inhalten. Ich glaube, das ist vielen Eltern nicht bewusst.
RB: KI-generierte Inhalte lassen sich kaum mehr von echten Inhalten unterscheiden. Wie schützen wir uns und unsere Kinder davor?
Sonja Gabriel: Das, was wir Kindern und Jugendlichen stärker beibringen müssen, ist Dinge kritisch zu hinterfragen. Es muss sogar hinterfragt werden, was Autoriätspersonen im Internet sagen. Mit Deepfakes kann jedem etwas täuschend echt in den Mund gelegt werden. Wir brauchen kritisches, aber konstruktives Denken, müssen uns eine Meinung bilden, sie begründen und vertreten können. Das ist wichtiger denn je.
RB: Wir sprechen viel von Medienkompetenz für Kinder. Sind Eltern medienkompetent? Viele von ihnen sind in einem Alter, in dem sie selbst überrannt wurden von den neuen Möglichkeiten.
Sonja Gabriel: Medienkompetenz hat man nicht einfach, man muss sie entwickeln wie jede andere Kompetenz. Generationen, die nicht mit dem Smartphone und den anderen Medien, die wir heute haben, aufgewachsen sind, haben diese Kompetenz oft nicht einfach. Viele Eltern beschäftigen sich sehr damit. Unsere Vorbildfunktion ist für Kinder sehr wichtig. Wenn sie sehen, dass das Smartphone immer da ist, wenn Mama und Papa bei jedem Pieps reagieren, ist das sehr schlecht. Wichtig ist, den Kindern mitzugeben kritisch mit digitalen Medien umzugehen und Familienzeiten - ohne Smartphone oder Fernseher - festzulegen. Das sind Dinge an die sich auch Eltern halten müssen. Es bringt nichts wenn man den Medienkonzum der Kinder beschränkt, und selbst ein völlig anderes Nutzungsverhalten vorlebt. Dann wird es besonders interessant für Kinder.
RB: Wer sich Handyfasten vorgenommen hat, merkt schon nach einem Tag, dass eigentlich nichts mehr geht. Gibt es ein Zurück, beziehungsweise wie kann es gut und sinnvoll weitergehen?
Sonja Gabriel: Vollkommener Verzicht ist so gut wie unmöglich und auch nicht sinnvoll. Wenn ich vollkommen verzichte, dann steigt Heißhunger wie bei Schokolade. So kann es sein, dass ich noch mehr Zeit mit digitalen Medien verbringe. Es ist besser weniger Apps zu haben und Pausen einzulegen, zu reduzieren einen bewussteren Umgang zu pflegen. In der eigenen Offline-Zeit, kann man etwas ganz anderes machen, zum Beispiel spazieren gehen, Man kann auch Töne zu Klingeltönen und Nachrichtentönen zuweisen, dann weiß man wie wichtig etwas ist. Solche Strategien brauchen wir viel mehr.
RB: Der Papst selbst spricht auch die Vorteile neuer Medien und der damit einhergehenden globalen Vernetzung an, nämlich in der gemeinsamen Bewältigung der Krisen unserer Zeit. Wo sehen Sie die größten Vorteile?
Sonja Gabriel: Vorteile gibt es viele. Egal ob bei KI oder digitalen Medien generell, es geht um Vernetzung. Wissen wird so viel leichter zugänglich, auch für Personen, die diesen Zugang sonst nicht hätten. Man kann sich online weiterbilden, an Selbsthilfegruppen teilnehmen und vieles mehr. Man kann sich leichter vernetzen und austauschen oder stark demokratisch partizipativ beteiligen, wenn man das will.
KI hat auch große Vorteile im medizinischen Bereich, etwas bei der Hautkrebserkennung.
Man muss aufpassen, wofür wir diese Technologie einsetzen. KI kann leider auch diskriminieren. Das hängt von den Trainingsdaten ab, mit der die KI gefüttert wurde. Nimmt man das Beispiel Bewerbungen. Das KI-System hat Trainingsdaten über viele Männer, die den Job gemacht haben. Die Schlussfolgerung der KI: Männer seien besser für den Job geeignet. Frauen würden so gar nicht zum Zug kommen. Deshalb sollten wir Technologien nie so einsetzen, dass sie wichtige Entscheidungen treffen können. Da muss der Mensch zuerst sein. Es braucht ein reflektiertes Bewusstsein,wo KI Vorteile oder oder eben Nachteile bringen kann.
RB: Für Aufregung, aber auch für viele positive Meldungen hat das neue Handyverbot in Schulen gesorgt. Was halten Sie davon?
Sonja Gabriel: Bei Verboten bin ich immer kritisch, sie lösen das Problem nicht. Das Verbot von Smartphones in Schule ist jetzt einmal eine Lösung, durch die zumindest der Unterricht nicht mehr gestört wird. Aber der bewusste Umgang mit Smartphones wird so auch nicht mehr thematisiert in Schulen. Sobald Kinder die Schule verlassen, kippen sie wieder in Smartphone-Sucht hinein. Was diese Geräte, eigentlich die Apps darauf, mit uns machen, muss thematisiert werden. Sperrt man das Handy aus der Schule, verlagert das das Problem nur. Es verschwindet nicht aus der Gesellschaft. Man müsste klar machen, dass Apps Mechanismen haben, die süchtig machen können. Sie dürften nicht mehr verwendet werden. Wenn wir das nicht thematisieren, dann bekommen wir das Problem nicht in den Griff. Dann haben wir in Zukunft noch mehr junge und ältere Erwachsene, die nicht bewusst mit diesen Technologien umgehen können. Kinder sollten den richtigen Umgang schon im Elternhaus lernen. Man würde ja auch kein Kind auf eine vielbefahrene Straße lassen, damit es seine Erfahrungen alleine machen kann. Darum sage ich: thematisieren, aufklären, so früh wie möglich.
Tagung des Kath. Familienverbands „KI und unser Familienleben – vernetzt und verbunden“, Fr., 11. 4, ab 14 Uhr, St. Virgil Salzburg. Anm.: www.familie.at/site/salzburg
„Beten wir, dass der Gebrauch der neuen Technologien nicht die menschlichen Beziehungen ersetzt, die Würde der Personen respektiert und hilft, uns den Krisen unserer Zeit zu stellen.“
Unter dem Titel „Das Video vom Papst“ gibt es das Gebetsanliegen jeden Monat als Video auf
gebetsapostolat.at.
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